Die Rheinpfalz vom 9.8.2014

Die Virtuosität der menschlichen Stimme

Eröffnungskonzert beim Kirchheimer Liedersommer
Von Gabor Halasz
 
Aufgeschoben – zum Glück nicht aufgehoben. Die Rede ist vom Liederabend der Mezzosopranistin Diana Haller und der Pianistin Barbara Baun, Mitbegründerin des Kirchheimer Liedersommers, der wegen einer kurzfristigen Erkrankung der Sängerin verschoben und jetzt am Donnerstagabend nachgeholt wurde. Was die beiden Künstlerinnen mit ihrem Wolf-Schumann-Programm in der Protestantischen Kirche boten, war schlicht beglückend und hätte jedem traditionsreichen Konzertzyklus einer Metropole oder Festival zur Ehre gereicht.
Zunächst: Eine derart schön gefärbte, glanzvolle Mezzostimme wie diejenige, über die Diana Haller verfügt, hat absoluten Seltenheitswert. Die in Rijeka geborene junge kroatische Sängerin – in Triest, London und Stuttgart ausgebildet, dort Ensemblemitglied der Staatsoper und am Anfang einer bedeutenden internationalen Laufbahn stehend – hat eine Stradivari in der Kehle.Dieses prachtvolle Instrument wird mit vollkommener Meisterschaft beherrscht. Die Linienführung blieb im Kirchheimer Konzert durchgehend makellos, jede Regung, jede noch so kleine Abtönung war perfekt kontrolliert, wobei Haller die gewaltige, opernhafte Klangfülle ihres Organs stets behutsam zurückzunehmen verstand. Ihre Pianokultur wirkte ungemein beeindruckend, ganz besonders durch Schattierungsreichtum. Säuseln können nicht wenige Sänger, die von Haller gebotene Vielfalt der Zwischentöne, -farben und Übergänge oft auf engstem Raum sprach indes für außerordentlich verfeinerte Sensibilität.
Am bestechendsten freilich wirkte die unerhört differenzierte Musikalität der jungen Mezzosopranistin, die in Stuttgart unter anderem in Rossinis Oper „La Cenerentola“ begeistert hat. Sie überzeugt mit Eleganz und expressivem Nachdruck in ihrem Vortrag. Dabei garantiert sie stets größte Textverständlichkeit und sorgt so auch für eine kontinuierliche Spannungslinie und erfüllte Momente. Zu vernehmen gab es dabei immer wieder wahre Herztöne. Den Titel des letzten Stücks aus Schumanns „Kinderszenen“, „Der Dichter spricht“, paraphrasierend, könnte man sagen, „die Dichterin sang“.
Erinnert sei an die feinen, leisen, schmerzlichen Töne in Schumanns „Stille Tränen“ und in „An eine Äolsharfe“ von Wolf oder an den Charme, den Haller bei „In dem Schatten meiner Locken“ aus Wolfs „Spanischem Liederbuch“ verströmt hatte. Diesen Liedern standen die vor Leidenschaft bebenden, unverstellt dramatischen Töne von Schumanns „Lust der Sturmnacht“ und „Verschling’ der Abgrund“ aus Wolfs „Italienischem Liederbuch“ gegenüber. Bei all dem stand Diana Haller eine ideale, höchst aufmerksam, einfühlsam mitgestaltende musikalische Mitstreiterin zur Seite: Barbara Baun am Flügel. Deren Anschlagskünste verfehlten keineswegs ihre Wirkung, und eigene interpretatorische Initiativen blieb die Pianistin ebenfalls nicht schuldig. Im Gedächtnis haften blieben fein ausgehörte harmonische Rückungen, die düster obsessiven Trommelrhythmen in Schumanns „Soldat“ und die konzessionslose Intensität der Klangrede in „Lust der Sturmnacht“. Lebhafter Beifall am Ende des Konzerts und zwei Zugaben: „Lehn’ deine Wang’“ von Schumann und die Wiederholung von „Verschling’ der Abgrund“.

 

Liedersommer-Eröffnung grandios nachgeholt
Eine wirklich großartige, Klangvolumen verschwendende, präzis und klug eingesetzte Stimme: Was die Mezzosopranistin Diana Haller im – wegen Erkrankung verschobenen – Eröffnungskonzert des Kirchheimer Liedersommers bot, war grandios. Der Zuhörer durfte sich über makellose, energiegeladene Gesangskunst ebenso freuen wie über stets überzeugende, großen Reichtum an Gegensätzen und Klangschattierungen mit merklicher Wonne auskostende Interpretationskunst, die in opernhafter Dramatik schwelgte und im verhaltenen Piano ebenso überzeugte. Einfühlsam und im Detail facettenreich gestaltend begleitete Barbara Baun die Lieder von Robert Schumann und Hugo Wolf, die die Besucher begeisterten. (hap)

 

Die Rheinpfalz vom 6.8.2014

Mozart statt Mezzosopran

Sängerin muss absagen – Barbara Baun und Philippe Huguet gestalten das erste Liedersommer-Konzert
Von Roland Happersberger
 
Überraschung beim Kirchheimer Liedersommer: Statt des angekündigten Liederabends gab es zur Eröffnung ein Mozartprogramm, geboten von Barbara Baun am Flügel und Philippe Huguet als Rezitator. Der Grund: Die Sängerin hatte kurzfristig abgesagt. Das Publikum, das mit ganz wenigen Ausnahmen blieb und die Kirche ordentlich füllte, erlebte gleichwohl eine anregende und musikalisch interessante Musikstunde.
Manchmal, das geht dem größten Sänger, der größten Sängerin so, ist die Stimme weg. Da ist nichts zu tun, als zu warten, bis die Stimmbänder sich wieder erholt haben. Der Mezzosopranistin Diana Haller, die am Sonntag das Eröffnungskonzert des Kirchheimer Liedersommers singen sollte, ging es so. Einen Tag vor dem Konzert war abends klar: Nichts geht.So kurzfristig Ersatz zu finden, erwies sich als vergebliche Liebesmüh. Aber heimschicken wollte Barbara Baun die zum Teil von weiter her kommenden Zuhörer auch nicht. So reaktivierte sie in intensiver Probenarbeit am Samstagabend und am Sonntag über Tag ein Mozart-Programm, das ein Jahr lang nicht gespielt worden war. „Der Traum von Paris“, dessen CD-Fassung wir seinerzeit empfehlend hier besprochen haben, ist einerseits ein in Briefform gekleideter Essay von Philippe Huguet, der jene biografischen Stationen des Komponisten auszuleuchten sucht, die den Franzosen am meisten interessieren müssen: Mozarts zwei so unterschiedlich verlaufende Parisreisen. Dazu, das ist die andere Hälfte, spielte Barbara Baun Klaviermusik Mozarts aus beiden Lebensphasen.
Sie tat das trotz der geringen Vorbereitungszeit mit bemerkenswerter Präzision. Barbara Bauns Mozart ist metrisch ungemein exakt und straff, sie steht nicht für musikantisch-legeren, swingenden Zugriff. Die meist raschen Tempi und das wenig agogische Spiel könnten leicht steril wirken, wenn nicht eine ungemein kluge, logische und dabei fein klangsinnliche Ausarbeitung der Details, eine reiche und stets plausibel eingesetzte Skala dynamischer Abstufungen hinzuträten und die Sätze in jedem Moment durchsichtig und interessant wirken ließen. Barbara Baun verfügt über metallische Anschlagskraft, wo es darauf ankommt. Und wenn ein Adagio es unbedingt will, vermag sie auch leicht und lyrisch zu singen. Also alles andere als ein Dutzend-Mozart.
So verhüllte sie in der frühen D-Dur-Sonate KV 7 des ungefähr siebenjährigen Mozart nicht, dass die kompositorischen Verfahren noch relativ primitiv sind, sie ließ aber ebenso die schon bemerkenswert ausgeprägte, typisch mozartische melodische Empfindungskraft leuchten. Wunderbar spannungsreich und elegant gespielt ist ihr Adagio. Die Variationen über Glucks Gassenhauer „Unser dummer Pöbel meint“ donnern zunächst herablassend, bilden dann aber auch ausnehmend filigrane Umspielungen.
Den beiden Sonaten in C- und F-Dur KV 330 und 322, die in Paris oder vielleicht doch erst einige Jahre später in Wien entstanden sind, gibt Barbara Baun Vielschichtigkeit und Gewicht. Da gibt es in der ersten ein Adagio cantabile, das elegant, feinsinnig und subtil, dabei immer straff, kontrolliert und konturiert, und ein ungemein reiches Rondo, höchst geistreich gespielt, in der zweiten einen dann vielleicht doch zu preußisch-präzisen Einstieg und ein blitzend virtuoses Finale.
Zwischen den Sätzen liest Philippe Huguet abschnittsweise seinen Essay, der der Frage nachgeht,
warum die erste Parisreise ein strahlender Erfolg, die zweite aber ein Fiasko war. Vielleicht liegt die Antwort darin, dass die erste Reise von Vater Leopold mit Hilfe seiner weitreichenden Kontakte minutiös vorbereitet war und man ein überall bis hin zu König Ludwig XIV. und Madame Pompadour Staunen erweckendes musikalisches Wunderkind zu präsentieren hatte, während im zweiten Fall ein 22-jähriger junger Mann sich erstmals ohne den Vater in einer Weltstadt zurechtfinden sollte, in der wahrscheinlich mehr als genug auswärtige Komponisten vergeblich nach Erfolg suchten.
Natürlich dürfte es weitere Faktoren gegeben haben, denen Huguet nachspürt: dass Mozart sich in dem Paris beherrschenden Streit zwischen italienischem und französischem Opernstil nicht auf eine Seite stellte, dass er stolz war und nicht katzbuckeln wollte, dass er trotz Empfehlungsschreiben keinen Kontakt zu den Enzyklopädisten um Diderot aufnahm, dass Baron Grimm, der das Wunderkind gepusht hatte, für den erwachsenen Mozart nichts tat, ihn in seiner Correspondence litteraire – einer handschriftlich verbreiteten Zeitschrift für die europäische Oberschicht – nicht einmal erwähnte.
All dies ist für den informierten Mozartliebhaber recht anregend, aber – und darin liegt ein gewisses Problem, auf das Huguets Text stößt – für ein breiteres Publikum in Deutschland wahrscheinlich nicht hinreichend bekannt.

 

Krisensicher
Von Roland Happersberger 
Respekt ist Barbara Baun, dem Motor des Kirchheimer Liedersommers, für dieses Krisenmanagement zu zollen. Dass einen Abend vor dem Eröffnungskonzert die Solistin absagt, ist schon Stress genug. Dass Barbara Baun ihr Publikum nicht nach Hause schickt, sondern quasi über Nacht ein abgelegtes Programm bis zur Konzertfähigkeit probt und ohne hörbare Zeichen von Unsicherheit brillant aufführt, zeugt von bemerkenswerter Kaltblütigkeit. Wenn alles gutgeht und Haller am Donnerstag, wie schon am Montag mitgeteilt wurde, singt, hat der Liedersommer damit sogar ein Konzert gewonnen.

 

Die Rheinpfalz vom 7.8.2014

„Das Monster in uns lebt“

Gefühle nach außen kehren – das steht im Mittelpunkt des Kirchheimer Meisterkurses mit Julie Kaufmann
Von Julia Sophie Brandt
 
Passend zum Motto „Mit allen Sinnen“ sollen die Künstler beim Abschlusskonzert des Liedersommers am Samstag Wahrnehmungen musikalisch darstellen. Bis dahin wird in der Kirchheimer Grundschule fleißig geprobt. Gestern waren wir beim Meisterkurs mit Kammersängerin Julie Kaufmann, der übrigens öffentlich ist, dabei.
Gesang in pianissimo. Dazu Klaviermusik, die nervös macht, gerade weil sie nicht laut ist. Es erinnert irgendwie an die Ruhe vor einem Sturm. In diesem Fall scheint das Liedduo, Pianist Robert Selinger und Sopranistin Sakoto Iwasaki, Kraft sammeln zu müssen. Kraft für einen Gefühlsausbruch. „Das Monster in uns lebt“, sagt Julie Kaufmann verschwörerisch, so als könne sie die Emotionen der beiden vorhersehen. Mit dem Fühlen ist das ja so eine Sache, ihnen Ausdruck zu verleihen eine andere. Oft die schwierigere. Eine Erfahrung, die Sängerin Iwasaki im Unterricht bei Julie Kaufmann zu spüren bekommt: Ihre Stimme klingt der Dozentin zu wenig aggressiv. Um das zu verdeutlichen, muss sie handgreiflich einschreiten – immerhin nur bei sich selber. Also schreit sie plötzlich „Hai“ und schlägt die Hand laut zusammen. Die Zuschauer zucken auf ihren Plätzen im Unterrichtsraum zusammen. Kaufmann fordert sie auf, doch ruhig mitzumachen. Stille. Einige reiben sich nur mitfühlend ihre linken Handflächen.Wer im Alltag gewöhnlicherweise nicht so aggressiv sei, der könne sich beim Singen ruhig mal gehen lassen, rät Kaufmann. „Das heißt ja nicht gleich, dass auch Ihre Seele schwarz werden muss.“ Übrigens, von oben auf ein Klavier zu hauen, sei zwar Show. „Aber es hilft wahnsinnig“, sagt sie zu Robert Selinger, den sie dazu auffordert, das auch gleich mehrmals umzusetzen – bis es der Meisterin endlich aggressiv genug ist
„Ja, mein Unterrichtsstil ist schon anstrengend“, gesteht Kaufmann und lacht. Ihr sei es aber wichtig, dass die Musiker sich emotional in den Stücken, die sie spielen, wiederfinden. Aber sie dürfen es nicht mit ihren eigenen Gefühlen überschreiben. Was sie meint – wie während des Unterrichts deutlich zu sehen – vermittelt sie gerne über ihre Körpersprache. Denn die richtigen Worte zu finden, sei gerade, wenn es um Emotionen ginge, sehr schwierig.
Robert Selinger und Sakoto Iwasaki sind Kaufmanns anspruchsvollem, etwas energischem Unterrichtsstil aber gewachsen. Das Paar lebt gemeinsam in München, Selinger, der in Stuttgart und München Orgel- und Kirchenmusik studierte, stammt aber aus Grünstadt. Es ist nicht sein erstes Mal beim Liedersommer, er sei sogar Mitglied im gleichnamigen Verein. Das Stück, das sie probten, vertonte der italienische Komponist Luigi Dallapiccola. „Es heißt ,Quattro liriche di Antonio Machado‘ und ist sehr intensiv“, erklärt Selinger. „Es geht um die Trauer Antonio Machados, dessen junge Frau verstorben ist“, so Iwasaki.
Womit wir auch wieder beim Motto des Liedersommers wären: „Mit allen Sinnen“. „Aufgabe der Musiker ist es, Stücke vorzuführen, die etwas mit den Sinnen wie Riechen, Schmecken und Fühlen zu tun haben“, erklärt die Leiterin der Veranstaltung Barbara Baun.
Auch Schmerz auf seelischer Ebene gehöre selbstverständlich dazu. Selinger und Iwasaki haben aber noch andere Stücke in petto, wie sie verraten. Wer hören will, welche das sind, kann die beiden Musiker bei ihren Proben heute und morgen noch besuchen.

 

Die Rheinpfalz vom 13.8.2014

Spektakuläre Stimmen

Abschlusskonzert des Kirchheimer Liedersommers – Sängerinnen und ihre Pianisten im Vergleich
Von Roland Happersberger
 
Unbedingt hörenswert war das, was das Abschlusskonzert des Kirchheimer Liedersommers am Samstag in der protestantischen Kirche in einem wahren Liedermarathon brachte: 13 Musikerinnen und ein Musiker stellten sich in einem knapp zweistündigen Konzert einem aufmerksamen Publikum vor.
Zwei der acht Sängerinnen, jeweils am Anfang der beiden Programmblöcke auftretend, stachen durch packende Gestaltungskunst hervor: die Sopranistin Leevke Hambach, aufgewachsen in Kiel, und die einzige Mezzosopranistin im Bunde, Jingyi Yan aus Shanghai, die seit dreieinhalb Jahren in Hamburg lebt und studiert. Beide zwangen den Hörer geradezu zum atemlosen Mitvollzug.Hambach sang zwei Lieder von Hugo Wolf und eines von Richard Strauß. „Auch kleine Dinge können uns entzücken“ ist eine lyrische Miniatur, die die Sängerin mit so viel Anmut, Beweglichkeit, Ausdrucksvielfalt und perlendem Wohlklang füllte, dass man einfach entzückt sein musste. Die Sopranistin singt schlicht und packend; ihre Stimme ist schlank und strahlend, hat dort, wo’s der Text gebietet, Kraft, gibt Heiteres sonnig strahlend und entnimmt dem Text ungemein viele Ausdrucksnuancen ohne jedes Einerlei, so dass der Hörer andauernd Neues entdecken kann. Eine wunderschöne Stimme, klug geführt. Am Flügel saß ein Sohn der Region, Robert Selinger, der in Grünstadt Abitur gemacht hat. Er spielte umsichtig und mit einer gewissen Zurückhaltung, setzte weniger auf Aufmerksamkeit heischende Klangbrillanz als manche seiner Nachfolgerinnen, und gab doch immer wieder wichtige musikalische Impulse.
Jingyi Yan nahm zunächst dadurch für sich ein, dass sie das stilistisch am weitesten gespreizte Programm ausgewählt hatte und das zwischen Mahler, ganz viel Strauss und Zemlinsky changierende Repertoire durch andere Töne aufweitete. Auch sie begann mit Gustav Mahler, der Vertonung jenes grauenhaften Textes aus dem „Wunderhorn“, in dem das Kind um Brot fleht, und die Mutter darauf verweist, dass sie erst Korn beschaffen, mahlen und backen müsse, bis das Kind verhungert ist. Kaum zu glauben, dass es möglich ist, den Hörer so heftig in das Beklemmende dieses Gedichtes hineinzuzwingen. Eine solche Intensität der Vergegenwärtigung ohne jede Konzession an das Gefällige, mit schneidend-strahlender Stimmkraft vorangetrieben, treibt Schauer über den Rücken.
Ganz anders das nächste Lied: Mozart, der ja eigentlich noch nicht so recht zum deutschen Lied gerechnet wird, mit der „Abendempfindung“ nach Johann Heinrich Campe, sicher kein Text von allererster Güte. Und doch: so warm, so unangestrengt weich fließend, strahlt dieses Lied wunderbar wärmende Innigkeit aus. Verstand und Empfindung des Hörers werden, nicht zuletzt auch wegen der vorzüglichen Begleitung durch Martina Lenton, gleichermaßen verwöhnt. Schließlich – und wieder ganz anders – etwas Neues: „Animal Passion“ von Gini Savage, ein vergnüglich lasziver Song mit kunstreich verarbeiteten Stilelementen der Unterhaltungsmusik, am ehesten im Musical zu verorten, mit leuchtender Stimmkraft und großem Vergnügen vorgeführt – und durch außerordentlich großen Applaus belohnt. Wobei es leider Zeitgenossen gibt, denen erst noch gesagt werden muss, dass es sich nicht schickt, in einem Gotteshaus zu trampeln, zu pfeifen und zu johlen.
Gestalterisch am nächsten kam diesen beiden wohl Julia Moorman mit Martina Lenton am Klavier . Alexander von Zemlinskys „Die Verschmähte“ brachte sie packend, die Aufmerksamkeit des Hörers fordernd, doch sie vertraute zu sehr auf ihr Forte, stattdessen hätte man sich mehr verdeutlichende Akzentuierung sinntragender Worte gewünscht statt der über weite Strecken einheitlichen Affekte. Dennoch: beeindruckend. Und wie sie Straussens „Allerseelen“ („Stell auf den Tisch die duftenden Reseden“) sang, so herb, so ganz bei sich, so ganz weit weg, das ging ins Herz.
Im Programm dominierten Sängerinnen und Pianistinnen aus Fernost, die eigentlich alle gut singen oder begleiteten, allerdings interpretatorisch nicht an Hambach und Yan heranreichten.
Sehr interessant war der Vortrag von Satoko Iwasaki, auch von Robert Selinger begleitet: Quattro liriche di Antonio Machado, komponiert von Luigi Dallapiccola, expressiv-atonale Gesänge, welchen die Interpretin hochdramatischen Impetus mitgab. Da dem Hörer aber weder Text noch Übersetzung an die Hand gegeben wurden, ist eine Würdigung kaum möglich. Ayumi Futagawa, begleitet von Sayaka Hara, brachte Lieder von Richard Strauss und Robert Schumann. Das Klavier perlte romantisch weich, die Sängerin präsentierte ein klanglich sehr schönes, flüssig-leuchtendes Legato, eine plastische Dynamik, blieb aber den Texten gegenüber eher distanziert, und selbst Goethes berühmtes Lied der Suleika war im Wortlaut kaum zu verstehen. Ayano Dozono, mit Makiko Nakamura am Flügel, unternahm es, mit Richard Strauß in drei Shakespeare-Liedern aus dem Hamlet den Wahnsinn der Ophelia zu vergegenwärtigen, wobei die Mimik fast größere Intensität zu haben schien als der wenig volltönende, eher spitze und gelegentlich vom Klavier bedrängte Gesang.
Meike Wilding legte das Soldatenlied „Aus! Aus!“ (wieder aus „Des Knaben Wunderhorn“) groß, stimmlich prachtvoll und durchaus beeindruckend an, doch bald erlahmte das Interesse wegen wenig ausgeprägter Binnengestaltung, indes Chie Ogata am Klavier mehr auf Lautstärke als auf Intensität setzte. Die Lieder von Joseph Suder waren wenig ergiebig.
Leuchtender Schöngesang und Mut zum Pathos prägten den Auftritt Chisa Tanigakis – am Klavier wieder Makiko Nakamura. Sie sang Strauß, Schubert und Marx, wobei das einzige Schubertlied des Konzerts, „Heimliches Lieben“, recht kalt ließ.

 

Die Rheinpfalz vom 6.8.2014

Witzige Beflügelung
„Klavierspielereien“ von Marie-Paule Hallard in der Kirchheimer Grundschule
Von Roland Happersberger
 
Amüsante, musikalische Begriffe zu frappierenden Bildern machende Cartoons der Französin Marie-Paule Hallard sind im Rahmen des Kirchheimer Liedersommers noch bis Samstag in der Kirchheimer Grundschule zu sehen.
Nach dem Eröffnungskonzert des Liedersommers pilgerte am Sonntag fast das ganze Publikum in die Halle der Kirchheimer Schule zur Eröffnung der Ausstellung. Marie-Paule Hallard ist, wie Barbara Baun schwungvoll erläuterte, Sängerin und Malerin zugleich. Insofern verkörpere sie ideal die Intention des Kirchheimer Liedersommers, der diesen Meisterkurs als Brücke zwischen den Künsten verstehe. Hallard besuchte die Kunstakademie in Lille und belegte während ihrer pädagogischen Ausbildung den Schwerpunkt Kunst. Gesang studierte sie am Conservatoire National Supérieur de Paris, in Karlsruhe und Heidelberg-Mannheim. Marie-Paule Hallard war neben ihrer Konzerttätigkeit im Lied- und Oratorienbereich viele Jahre Dozentin für Gesang an der Hochschule für Musik Mannheim. Dort lernte Barbara Baun sie als Kollegin kennen.Über Jahre hinweg, berichtete die Künstlerin, seien ihre 62 Zeichnungen zum Thema Klavier und Flügel entstanden. Zunächst wurden daraus einige Monatskalender, dann ein Büchlein. „Klavier“ und „Flügel“ stecken in jedem der Titel. Geläufigen, meist im übertragenem Sinn verwendeten Wortverbindungen geben diese Cartoons einen unerwarteten, meist frappierend wörtlichen Sinn. Das „Klavierband“ umgibt den Flügel mit einer großen Schleife, im Fall der „Flügelkämpfe“ vollzieht sich auf dem Deckel ein Boxkampf, ein „Kotflügel“ braucht selbstverständlich ein Bottschamberl, wie der Pfälzer sagt, einen Pot de Chambre. Unter dem Titel „Legato“ sieht man überrascht den Pianisten an sein Instrument gekettet – schließlich heißt „legato“ „gebundenes Spiel“. Unter „Flügelaltar“ verwandelt sich das Instrument in ein goldgrundiertes Triptychon mit den Ikonen von Liszt, Beethoven und Chopin, der „Wandererfantasie“ lauschen fröhlich Pfälzerwäldler, der Klavierbauer haut inmitten von Heuhaufen und Mistgabeln unbeschwert in die Tasten und dergleichen mehr. Auch in die Entwicklungsgeschichte des Klaviers wird fröhlich deutend eingegriffen: Mozarts „Hammerflügel“ kann man nur mit schwerem Gerät einen Ton entwickeln, das „Tafelklavier“ ist festlich gedeckt, das „Giraffenklavier“ des bürgerlichen Salons ist wahrhaft gefleckt, dem Stützflügel hat man gerade ein Stück abgesägt. Der Tonkünstlerverband enthüllt einen völlig bandagierten Musikus, und der „Klavierhocker“ sitzt in voller Lebensgröße auf der Tastatur.
Das alles ist flott, mit klarem, aber leichtem Strich ins Bild gesetzt, unproblematisch heiter, gefällig, amüsant, und genau in diesen Hinsichten zu empfehlen.


Termine 2016



Sonntag, 24.07.2016
18.00 Uhr Eröffnungskonzert (Evangelische Kirche)
Sibylla Rubens, Sopran
Barbara Baun, Klavier
Eintritt frei, um Spenden wird gebeten
Anschließend Vernissage (Grundschule)

Donnerstag, 28.07.2016
19.30 Uhr Werkstattkonzert Lied (Weingut Kolb)
"Lieder? ...mit Vergnügen!"
Eintritt frei, um Spenden wird gebeten

Samstag, 30.07.2016
18.00 Uhr Abschlusskonzert (Evangelische Kirche)
"Mit Staunen und Vergnügen"
Teilnehmer des Meisterkurses
Eintritt frei, um Spenden wird gebeten
Anschließend Finissage (Grundschule)

Montag, 25.07. bis Freitag, 29.07.2014
10.00 – 13.00 Uhr
15.00 – 18.00 Uhr öffentlicher Meisterkurs (Grundschule)

Montag, 25.07. bis Freitag, 29.07.2014
10.00 – 13.00 Uhr
15.00 – 18.00 Uhr Ausstellung (Grundschule)

AKTUELL: Anmeldeschluss verlängert: 10.6.2016

Kontakt

Kontakt:

Kirchheimer Liedersommer e. V.
Bissersheimer Str.6
67281 Kirchheim Wstr.
Tel.: 06359/2090536
info(at)kirchheimer-liedersommer.de