Die Rheinpfalz 24. Juli 2008

„Speichern Sie alle Erlebnisse auf Ihrer Festplatte“

Ein Besuch beim Meisterkurs „Kirchheimer Liedersommer“ – eingespieltes Dozentenduo unterrichtet junge Liedduos.

Wer sich für einen künstlerischen Beruf ausbilden lässt, braucht ab und zu mal einen anderen Lehrer als die eigenen Dozenten an der Hochschule.
In den Ferien einen Meisterkurs zu besuchen, ist gerade für Musiker fast schon ein Muss. In diesen Tagen sind 15 junge Pianisten und Sänger froh über das Angebot des Vereins Kirchheimer Liedersommer, sechs Tage lang bei Professor Irwin Gage und Hochschuldozentin Esther de Bros Unterricht im Fach Liedgestaltung nehmen zu können….
Ebenso wie das Schülerduo erfahren auch die Zuhörer im Saal so einiges über die Bedeutsamkeit von Feinabstufungen zwischen Fortissimo und Pianissimo, über das, was das Publikum bei einem Liedvortrag gefangen nimmt, über das Problem, einen kurzen Vokal wie im Wort „Blick“ auf einer langen Note singen zu müssen und über die Kompositionsweise von Hugo Wolf. Er haben im Gegensatz zu Brahms „immer auf den Text komponiert“. Ester de Bros’ Rat an die Studentin: „Den Liedtext ganz oft sprechen, bevor man ihn singt“. Kurz vor Ende der allzu schnell vergehenden Viertelstunde muss die junge Sängerin noch das von Arnold Schönberg vertonte Gedicht „Jesus bettelt“ vortragen. Die Zeit reicht Esther de Bros und Irwin Gage nur noch, um der sängerischen Diktion wegen die richtige Interpretation des 1896 veröffentlichten Textes von Richard Dehmel abzuklopfen und die benötigte Emotionalität von der kühlen und distanzierten Haltung eines Jugendstil-Liedes zu unterscheiden….
Waltraud Werdelis

Die Rheinpfalz 24. Juli 2008

Festgehaltene Vergänglichkeit

Im Rahmen des Kirchheimer Liedersommers zeigen Norbert Göbel und Wolfgang M. Schmitt Skulpturen und Fotografien.

Norbert Göbels Arbeiten leben von der spannungsreichen Verbindung von Eichenholz und geschmiedetem Stahl. Beide Werkstoffe, das sieht man gleich, sind alt und verbraucht, aus der Zeit und ihrem vormaligen Nutzen herausgelöst. Göbel gibt ihnen durch Schleifen, Spalten, Polieren oder andere Formen der Bearbeitung, vor allem aber durch ihre Zusammenführung zu einer ästhetischen Einheit, einen neuen Sinn. Die Titel seiner wuchtigen Zeichen sind schlicht „Unnahbar“ oder „Anziehend“ oder – aus Gullivers Reisen entnommen – „Brobdingnag“ oder „Struldbrug“. Mal sucht und findet er archaisch anmutende menschliche Formen, indem er beispielsweise des Metallteil eines alten Arbeitsgeräts wie einen Kopf oder Helm auf die Holzstele setzt, mal interessiert ihn eher der Bild gewordene Zustand kurz vor dem Zerbersten oder Zusammenfallen, wenn nur noch Eisenklammern oder –bänder das spröde, nach Zerfall strebende Holz zusammenhalten.
Vergänglichkeit festzuhalten, ist auch ein Thema von Wolfgang Schmitt. Beispielsweise in einer Fotografie, die verwelkte, sich sterbend unter einer Schneekappe beugende Sonnenblumen abbildet. Er spürt der Metamorphose von Gegenständen und Pflanzen nach, wenn Frost und Eis sie umhüllen, erstarren lassen oder zu wundersamen Gebilden aus einer anderen Welt verformen. Und er spielt mit Spuren und Details am Wegesrand, die er quasi als Ausschnittvergrößerung grafisch überhöht und zu einem Rätsel für den Betrachter werden lässt. Aber auch Landschaftsaufnahmen aus der Region zeigt die Ausstellung: Grünstadt unter einem zarten Nebelschleier etwa oder Colgenstein hinter raureifgepuderten Rebflächen. Die Wirkung der Fotos ist nicht zuletzt auf die Druckqualität zurückzuführen. Es handelt sich um so genannte Giclée Prints, die auch in der Reproduktion von Gemälden zum Einsatz kommen.
Waltraud Werdelis

Die Rheinpfalz 28. Juli 2008

Kaum überbietbar wunderschön

Ruth Ziesak und Barbara Baun beim Liedersommer

Hier zu loben, heißt Eulen nach Athen tragen….

…Barbara Bauns subtiles Spiel gefiel vom ersten Takt der ersten Schubertlied-Einleitung („Im Freien“) an durch klangliche Fülle, Wärme und Innigkeit bei straffer, gespannter Gestaltung. Da blieb nichts banal, da zerfloss aber auch nichts in formverlierende Sentimentalität.

…Ruth Ziesak sang ohne alle aufgesetzten Manierismen, ganz dem Fluss der Melodie dienend und in dieser fließenden Bewegung durch kleine, wohlüberlegte Akzente überzeugend gestaltend. Eine leichte Abschattung des Timbres markiert etwa in Goethes „Fischer“ einen Moment lang Widerwillen, gepaart mit leichter Ironie, als aus den Wasserfluten das „feuchte Weib“ auftaucht, und der straffe musikalische Verlauf macht plausibel, warum der Fischer gar nicht anders kann, als der Meerfrau zu verfallen, bis zum berühmten „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“….
Barbara Baun zeigt etwa im „Frühling“ einen herrlichen Sinn für den tändelnden Rhythmus, den die beiden Interpretinnen genießend und genussbringend auskosten, und es gibt in Gesang und Klavier wunderschöne, immer den Textaffekt sinnvoll ausdeutende Abstufungen, plötzliche Crescendi, spannungsvolles Piano, strahlende, wunderbar gerundet den Kirchenraum füllende Spitzentöne. Ruth Ziesak steht eine Vielzahl von Ausdrucksschattierungen zu Gebot, die sie in reicher, meisterlich disponierter Fülle einsetzt. Ungemein großartig ist schließlich, wie innig Goethes „An den Mond“ (Füllest wieder Busch und Tal…) endet. Hier verbindet sich makellos beherrschte Gesangstechnik mit einer seltenen Fähigkeit zur verdeutlichenden Gestaltung: Man kann Gedankenlyrik kaum besser lebendig machen….
Roland Happersberger

Die Rheinpfalz 29. Juli 2008

Ein Reigen talentierter Sänger

Abschlusskonzert des Kirchheimer Liedersommers

Sieben Sängerinnen und Sänger und ihre Begleiter am Klavier zeigten am Sonntag in der protestantischen Kirche Kirchheims, was sie im Meisterkurs des zweiten Liedersommers mit Irwin Gage und Esther de Bros gelernt haben. Das Abschlusskonzert fand wie die beiden vorhergehenden ein achtbares Publikumsinteresse und war in jedem Moment hörenswert.
Musikalisch war zu hören: viel Schubert und Schönberg – also gleichsam Anfang und Ende der Gattung in engerem Sinn, daneben je zwei Lieder von Franz Schreker und Alban Berg sowie eines von Hugo Wolf.
International war der Namensreigen der Klavierbegleiter: Mihaela Tomi, Triinu Boutahir, Won Choi, Simon Bucher, David Cavelius, Bo-Kyung Kim. Alle spielten technisch ausgefeilt und akkurat; vielfach jedoch ordneten sie ihr Spiel, vor allem in den Schubertliedern, dem Gesang unter und gaben ihm gewissermaßen nur die Grundierung. Interessanter spielten Bucher – in Kirchheim zuletzt als kompetenter Begleiter beim Eröffnungskonzert mit Dominik Wörner zu hören – und Cavelius, die als subtil und vielfältig agierende Dialogpartner ihrer Gesangssolisten hervortraten.
Nun zu diesen: vier Baritone rahmten zwei Sopranistinnen und eine Mezzosopranistin. Ein hübsch symmetrischer Bau, der sich auch im Programm wiederfand: dessen erster und letzter Teil waren Texte von Goethe, die Schubert in Musik gesetzt hatte. Gonzalo Simonetti gab den „Sänger“ dieser beiden etwas neutral, fand aber in „Ach noch so jung“ von Schreker zu ganz hervorragender und mitreißender Einfühlung in den emotionalen Gehalt. Cordula Stepp gab drei Lieder Bergs in packendem, konzentriertem Vortrag, mit klar durchdringendem, herb strahlendem Timbre.
Philip Carmichael brachte dreimal Schönberg. Das Timbre seiner Stimme schien etwas verschattet; das Engagement seiner Vortrags, verbunden mit einem reichen Spektrum an Ausdrucksmitteln vom hochdramatischen Ausbruch bis zu leiser Spannung machte das wett.
Ulrike Andersen, die Mezzosopranistin, sang Schubert, Berg und Schönberg gleichermaßen kompetent. Ihre Stimme spricht nicht in allen Registern gleich klar an; dafür weckte ihr ungemein persönliches, reifes, intelligentes und agiles Gestalten besonders begeisterten Applaus.
Drei Schubertlieder sang Martin Hensel, nicht artifiziell raffiniert, aber emotional glaubwürdig.
Karola Pavone widmete sich der an die äußersten Grenzen getriebenen Tonalität des frühen Schönberg. Die Intensität ihres Vortrags hatte etwas Bezwingendes, evozierte den Eindruck unbedingter Notwendigkeit.
Dramatisch gespannt, in großzügiger Gebärde und stimmkräftig gefiel schließlich Jens Hamann mit Liedern von Schreker, Wolf und Schubert, zuletzt „Willkommen und Abschied“.
Roland Happersberger


Termine 2016



Sonntag, 24.07.2016
18.00 Uhr Eröffnungskonzert (Evangelische Kirche)
Sibylla Rubens, Sopran
Barbara Baun, Klavier
Eintritt frei, um Spenden wird gebeten
Anschließend Vernissage (Grundschule)

Donnerstag, 28.07.2016
19.30 Uhr Werkstattkonzert Lied (Weingut Kolb)
"Lieder? ...mit Vergnügen!"
Eintritt frei, um Spenden wird gebeten

Samstag, 30.07.2016
18.00 Uhr Abschlusskonzert (Evangelische Kirche)
"Mit Staunen und Vergnügen"
Teilnehmer des Meisterkurses
Eintritt frei, um Spenden wird gebeten
Anschließend Finissage (Grundschule)

Montag, 25.07. bis Freitag, 29.07.2014
10.00 – 13.00 Uhr
15.00 – 18.00 Uhr öffentlicher Meisterkurs (Grundschule)

Montag, 25.07. bis Freitag, 29.07.2014
10.00 – 13.00 Uhr
15.00 – 18.00 Uhr Ausstellung (Grundschule)

AKTUELL: Anmeldeschluss verlängert: 10.6.2016

Kontakt

Kontakt:

Kirchheimer Liedersommer e. V.
Bissersheimer Str.6
67281 Kirchheim Wstr.
Tel.: 06359/2090536
info(at)kirchheimer-liedersommer.de